Der Ost-West-Streit verstellt den Blick auf die eigentliche Frage

Von | September 20, 2026

(20.09.2026)

Die Wahlerfolge der AfD sind nur das Symptom einer orientierungslosen Gesellschaft. Was wirklich fehlt ist eine glaubhafte positive Zukunftserzählung.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschreibt den Menschen als ein geschichtenerzählendes Wesen.  Menschen können auch in komplexen Gesellschaften friedlich kooperieren, sofern sie an eine gemeinsame Erzählung glauben. Mythen, Religionen, Nationen oder das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft sind als fiktive Wirklichkeiten ein notwendiges Band, das die Gesellschaft zusammenhält.

Dieses Band hält nicht mehr. Die westliche Erzählung, wonach das Zusammenspiel von freiem Markt und ewigem Wachstum verlässlich Wohlstand, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle stiftet, hat ihre Überzeugungskraft verloren. Die Leerstelle füllt sich, angeheizt durch die Empörungslogik sozialer Medien, mit Wut, Angst und gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Der deutsche Irrtum besteht darin, dass mit dem Ost-West-Gegensatz ein Ersatzkonflikt verhandelt wird, der die fällige Diskussion um eine tragfähige Zukunftserzählung verdrängt.

Das Ritual der Schuldzuweisung

Der Historiker Magnus Brechtken sprach jüngst in einem FAZ-Interview aus, was in vielen westdeutschen Chefetagen Konsens sein dürfte: Viele Bürger hätten die Nase voll vom ostdeutschen Dauerfrust, der sich regelmäßig an den Wahlurnen entlädt. Der Osten sei diktaturgeschädigt und undankbar trotz ein bis zwei Billionen Euro an Aufbauhilfe. Es reicht. Man solle sich lieber an Polen oder Tschechien ein Beispiel nehmen, die nicht so „gepampert“ in die Marktwirtschaft geleitet worden seien.

Richtig ist: Das westdeutsche Sozialsystem federte nach der Wende Millionen Menschen materiell ab. Gleichzeitig erlebte die ostdeutsche Industrie eine Schocktherapie wie nirgends sonst in Osteuropa: die Industrieproduktion lag Mitte der 1990er Jahre bei einem Viertel des Niveaus von 1989, etwa 80 Prozent der Erwerbstätigen verloren – vorübergehend oder auf Dauer – ihren Arbeitsplatz.

Die ostdeutsche Wirtschaft wurde einer Schocktherapie unterzogen, wie nirgends sonst in Osteuropa. Nach dem Motto: Der Markt ist klüger als die Politik. Quelle: T.Spider / depositphotos

Was es mit dem Selbstwertgefühl einer Region macht, wenn gerade die jungen gut ausgebildeten Menschen gen Westen ziehen, Städte und Dörfer veröden und Bus, Bahn, Schulen, Arztpraxen und Läden schleichend verschwinden, wurde damals kaum thematisiert. Eine vergleichbar existenzielle Erschütterung hat der Westen nie erlebt.

Dauerkrise statt Atempause

Kaum war dieser Strukturbruch halbwegs verdaut, setzte ein Stakkato neuer Krisen ein: das Ende des Baubooms nach 2000, die Finanzkrise 2008, die Euro-Schuldenkrise, die Fluchtbewegungen 2015, Corona, der Ukrainekrieg samt Energiepreisschock, gefolgt von Inflation, wachsender Staatsverschuldung und Sparzwängen. Heute sorgen US-Zolldrohungen, Chinas massive Überproduktion und die spürbaren Folgen der Klimakrise für zusätzliche Verunsicherung.

Wo das Grundvertrauen in die Lösungskompetenz des Staates und der traditionellen Parteien seit Jahrzehnten erodiert ist, fällt es der AfD leicht, den unterschwelligen Groll politisch zu mobilisieren.

Dies ist allerdings kein ostdeutsches Phänomen: Ob Frankreich, Niederlande, Skandinavien, Tschechien oder Slovakei – überall in West- und Osteuropa erleben wir den Vormarsch rechtspopulistischer Kräfte.

Der Osten hat diesen Kontrollverlust lediglich früher und ungeschützter durchlebt. Sobald im Westen Arbeitsplätze wackeln und Infrastrukturen zerbröckeln, wählen auch dort immer mehr Bürger den Protest.

Die Kettensäge als Ventil

Durch Globalisierung und Automatisierung wurde auch im Westen das traditionelle Facharbeitermilieu ausgedünnt; viele landeten in schlechter bezahlten Dienstleistungsjobs. Mit ihrem Beruf verloren sie den gewerkschaftlichen Zusammenhalt und ihren sozialen Status. Der Journalist Johannes Böhme zieht in der ZEIT eine Parallele zu den englischen „Swing Riots“ von 1830: Damals zündeten verarmte Landarbeiter Scheunen, Dreschmaschinen und Webstühle an, weil die neue Technik ihre Existenz vernichtete.

Die Abgehängten von heute zünden keine Scheunen mehr an. Sie wählen Parteien, die stellvertretend für sie die Institutionen attackieren. Was damals das Streichholz war, sind heute die Plattformen der sozialen Medien, auf denen Ressentiment zum lukrativen Geschäftsmodell wird.

Mangels glaubwürdiger Alternativen übernehmen heute ausgerechnet Milliardäre wie Donald Trump und Elon Musk oder Radikallibertäre wie Javier Milei die Führung der Verunsicherten. Mit der Formel „Der Staat ist schuld, das System ist schuld“ wird radikale Disruption zum Ausweg verklärt. Dieser Schulterschluss mit den Superreichen ist das deutlichste Symptom allgemeiner Orientierungslosigkeit.

Das Märchen vom süßen Brei

Hier schließt sich der Kreis zur Eingangsthese: Die westliche Erzählung von ewigem Wachstum und verlässlichem Wohlstand trägt nicht mehr.

Gerade der sogenannte China-Schock 2.0 und die KI-Revolution führt vor Augen, dass wir uns auf einem Irrweg befinden: Mit der Orientierung auf die endlose Steigerung von Produktivität und Wirtschaftswachstum landen wir folgerichtig in einer Welt, in der KI und Humanoide menschliche Arbeit ersetzen, weil diese alles schneller, billiger und fehlerfreier erledigen.

Es bleibt allerdings ein ungelöstes Problem: die planetaren Grenzen. Eine Produktivitätsrevolution durch KI und Humanoide treibt den Hunger nach Energie, knappen Rohstoffen und Wasser noch schneller voran.

Dies erinnert an das Märchen vom süßen Brei: Wir haben von allem mehr als genug. Wir müssten eigentlich „Halt!“ rufen – doch wir haben das Zauberwort vergessen.

Energiesteuer als Ressourcensteuer

Ein Bericht der UN-Umweltorganisation UNEP nennt den Ressourcenverbrauch als entscheidendes Kriterium einer nachhaltigen Entwicklung. Über 55 Prozent der Treibhausgasemissionen und mehr als 90 Prozent des Verlusts an biologischer Vielfalt sind auf diesen Faktor zurückzuführen. In Deutschland verbrauchen wir pro Kopf doppelt so viel Ressourcen, wie global als nachhaltig gilt.

Der blinde Fleck der Umweltpolitik: Ressourcengewinnung und -verarbeitung ist die Hauptursache für die dreifache Krise des Planeten: den Klimawandel, den Verlust der biologischen Vielfalt sowie die Zunahme von Umweltverschmutzung und Abfällen.
Quelle: bondarenko / depositphotos

Der wirksamste Hebel liegt im Energieverbrauch: Sämtliche Schritte der Ressourcennutzung – vom Tagebau über den Transport und die industrielle Verarbeitung bis zur Entsorgung – verschlingen gigantische Mengen an Energie. Eine Energiesteuer wirkt deshalb automatisch als universelle Ressourcensteuer.

Verschiebung der Steuerlast von der Arbeit zur Energie

Hier lohnt der Blick auf eine fast vergessene Reform: In den 1990er Jahren wurde das Bild vom fehlgesteuerten Tanker Marktwirtschaft geprägt, der mittels einer Ökosozialen Steuerreform auf sinnvollen Kurs gebracht werden sollte. In Deutschland werden fast zwei Drittel aller Steuern und Abgaben beim Faktor Arbeit eingetrieben, der Anteil der Steuern auf Energie beträgt dagegen weniger als fünf Prozent.

Zwei Drittel des Aufkommens an Steuern und Abgaben werden beim Faktor Arbeit geholt. Weitaus mehr als beim Faktor Kapital oder bei der Belastung der Umwelt – hierzu zählt vor allem der Faktor Energie. Quelle: Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft FOES e.V.

Das Umwelt- und Prognoseinstitut (UPI) Heidelberg schrieb damals: „Wäre es Absicht der Steuer- und Abgabenpolitik der letzten Jahrzehnte gewesen, menschliche Arbeitskraft so zu verteuern, dass sie in der Konkurrenz zu Maschinen und Energie zunehmend aus dem Arbeitsmarkt verdrängt wird, hätte die Politik nicht wesentlich anders sein können.“

Die Lösung liegt in einer Umschichtung der Steuerlast von der Arbeit zur Energie. Die Einnahmen aus einer schrittweise steigenden Energiesteuer werden vollständig zurückgegeben – an die Wirtschaft über den schrittweisen Ersatz der Arbeitgeber-Sozialabgaben, an die Haushalte über ein monatliches Pro-Kopf-Energiegeld, analog dem Klimageld.

Neu daran ist, dass auch die Erneuerbaren Energien einbezogen werden müssen: Einerseits, um dem Sozialsystem eine dauerhaft stabile Basis zu geben, andererseits, um zu verhindern, dass die Ressourcenverschwendung mit grünem Strom fortgesetzt wird. Die notwendige Differenzierung zu fossiler Energie erfolgt weiterhin über die CO₂-Steuer.

Der Einstieg über die Renten-, Gesundheits- und Pflegereform

Eine derartige Weichenstellung fehlte leider beim Aufbau Ost. Stattdessen wurden die Kosten der deutschen Einheit vor allem dem Faktor Arbeit aufgeladen.

Dabei reichte die Zustimmung zur Reform quer über Parteigrenzen. Wolfgang Schäuble (CDU) stellte 1997 fest: „Ökonomisch und ökologisch sinnvoller wäre es, im Mix der Produktionsfaktoren menschliche Arbeit billiger zu machen und im Gegensatz den Verbrauch von Rohstoffen und Energie zu verteuern.“

Die konsequente Umsetzung scheiterte jedoch am Widerstand der Autolobby, konservativer Wirtschaftsverbände und Kampagnen der Boulevardpresse. Umso dringender ist der Einstieg heute bei den anstehenden Großbaustellen: der Renten-, Kranken- und Pflegereform.

Der durch Demografie und KI drohende Anstieg der Sozialabgaben würde gerade die personalintensiven Branchen in eine existenzielle Krise treiben. Gleichzeitig werden schon jetzt Hunderttausende Haushaltshilfen und Pflegekräfte mangels bezahlbarer regulärer Arbeitskosten in die Schwarzarbeit abgedrängt.

Den Markt zum Diener machen

Hier finden wir die Zutaten für eine positive Zukunftserzählung. Wir müssen nicht auf eine völlig neue Wirtschaftsordnung warten; diese käme auch viel zu spät. Die Lösung liegt in einem neuen Verhältnis von Staat und Markt. Der Markt ist hocheffizient, aber blind. Es ist Aufgabe des Staates, die Richtung durch sinnvolle Rahmenbedingungen vorzugeben.

Mit der Umsteuerung des Tankers Marktwirtschaft unter der Prämisse: Nicht mehr, sondern andere Steuern und Abgaben wird der oft geschmähte Markt zum Diener auf dem Weg in eine nachhaltige Gesellschaft.

Die Sozialabgaben müssen runter, damit menschliche Arbeit nicht länger als Kostenfaktor ausgesondert wird. Quelle: DmitryPoch / Depositphotos

Menschliche Arbeit, Handwerk, Pflege, Bildung und persönliche Dienstleistungen werden wieder bezahlbar, während der Schwarzarbeit der Boden entzogen wird. Gleichzeitig belohnt der Markt erstmals Langlebigkeit, Reparierbarkeit und regionale Kreisläufe, weil Ressourcen- und Energieverschwendung spürbar teuer werden. Die Renten- und Pflegekassen erhalten eine demografiesichere Basis und die Kommunen sparen Milliarden bei ihren Personalkosten.

Der europäische Binnenmarkt ist groß genug, um als Wirtschaftsraum eigene Rahmenbedingungen zu setzen. Grenzausgleichsabgaben schützen die Industrie vor ressourcen- und energieintensivem Dumping aus Drittstaaten, während einzelne Staaten als Vorreiter vorangehen können.

Quelle für Startfoto: ludovikus / depositphotos