
(12.08.2026)
Musk’s Vision einer Ära unendlicher Fülle ist absurd und gefährlich – sie zeigt aber den blinden Fleck der Orientierung an ewigem Wirtschaftswachstum. Eine Energiesteuerreform weist den Ausweg.
Der reichste Mann der Welt zeichnet ein faszinierendes Bild der Zukunft: In zehn Jahren, so Elon Musk in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „The Economist“, könne sich jeder Mensch alles leisten, was er sich vorstellen kann. Künstliche Intelligenz, vollautomatisierte Produktionsketten und Millionen humanoide Roboter sollen die menschliche Arbeitskraft ersetzen und ein unendliches Angebot an Gütern schaffen. Damit diese Warenflut gekauft werden kann, sollen Grundeinkommen oder Schecks an alle verteilt werden.
Sollte der Hyperkapitalist Musk tatsächlich helfen, den Urtraum des Kommunismus – „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ – in die Realität umzusetzen?
Der blinde Fleck des unendlichen Wachstums
Naturwissenschaftler halten diesem Traum eine nackte physikalische Tatsache entgegen: Eine unbegrenzte Erfüllung materieller Bedürfnisse muss an der Begrenztheit materieller Ressourcen scheitern.
Ähnliche Warnungen gibt es allerdings schon seit dem Bericht des Club of Rome vor mehr als 50 Jahren. Hat nicht der Kapitalismus gezeigt, dass jede Art von Grenzen nur vorläufig existieren?
Die UN-Umweltorganisation UNEP betont in ihrem Report »Global Resources Outlook 2024« jedoch die Dramatik der Lage: Die Gewinnung und Verarbeitung von Ressourcen ist die Hauptursache für die dreifache Krise unseres Planeten – Klimawandel, Artensterben und Verschmutzung. Die UNEP fordert, bis 2050 eine durchschnittliche Materialintensität von 6 bis 8 Tonnen pro Kopf und Jahr zu erreichen. In Deutschland verbrauchen wir aktuell 16 Tonnen.
Wie wenig tragfähig der Glaube an ein unendliches Ressourcenwachstum ist, zeigen zentrale Branchen:
Elektromobilität: Der Wandel zur E-Mobilität lässt den Bedarf an Rohstoffen wie Lithium, Kobalt oder Seltenen Erden sprunghaft ansteigen und stößt schon jetzt an Förder- und Umweltgrenzen. Beim Tiefseebergbau herrscht bereits eine Goldgräberstimmung mit verheerenden Folgen für die Tiefsee-Ökosysteme.
Bauwesen: Mit der Übernahme des westlichen Wachstumsmodells durch den globalen Süden muss fast die komplette Infrastruktur dieser Länder neu gebaut werden. Das Bauwesen ist jedoch für die Hälfte des weltweiten Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Inzwischen gilt selbst der Sand als knapp – ein Rohstoff, der jahrhundertelang für sprichwörtlichen Überfluss stand.
KI und Dark Factories
Mit der KI wird die Produktion noch effizienter. Als Zukunftsmodell gelten „Dark Factories“, die rund um die Uhr fast ohne Personaleinsatz arbeiten und sich dort ansiedeln, wo Energie billig, stabil und reichlich verfügbar ist.
Allerdings ändern auch automatisierte, sogar mit Erneuerbaren Energien betriebene Fabriken nichts an dem immensen Ressourcenverbrauch für Rechenleistung, Robotik, Netze und Speicher. Erschwerend kommt hinzu: Die milliardenschweren Investitionen rechnen sich nur bei einer Erhöhung des Produktionsausstoßes. Was wiederum nur Sinn macht, wenn die Aufnahmefähigkeit des globalen Marktes weiter steigt – ganz im Sinne der Musk’schen Vision – der Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse auf diesem Planeten.
Finanzkrise der Sozialsysteme
Gleichzeitig verschärft der Ersatz menschlicher Arbeit durch KI und Robotik die Krise der Sozialsysteme. Angesichts der demografischen Entwicklung gerät das auf Lohnarbeit basierende Sozialsystem unter enormen Druck.
Bisherige Antworten blenden wesentliche Fragen aus: Eine Absicherung über den Kapitalmarkt bindet die Alterssicherung noch stärker an ein System, das auf Wachstum setzt, und vor allem Multimilliardären nützt. Die Hoffnung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE), das aus Steuern auf Roboter oder KI finanziert wird, dürfte ebenfalls trügerisch sein. Unternehmen könnten in Länder mit geringerer Steuerbelastung ausweichen; realistisch droht eher ein geringes Mindesteinkommen statt eines bedürfnisorientierten BGE.
Energie als Schlüsselfaktor
Weder in Deutschland noch in der EU gibt es bislang verbindliche Zielvorgaben zur Reduzierung des absoluten Ressourcenverbrauchs, sondern nur Vorgaben zur Steigerung der Ressourcenproduktivität. Damit landen wir zumeist beim Rebound-Effekt: Effizienzsteigerungen werden durch Mehrverbrauch wieder aufgezehrt.
Herkömmliche Steuerungsinstrumente stoßen schnell an Grenzen:
Ordnungsrecht: Gebote und Verbote gelten als bürokratisch und rufen leicht Ideologievorwürfe hervor.
Planwirtschaftliche Zuteilung erinnert an das gescheiterte Mikromanagement staatlicher Plankommissionen in der DDR.
Ressourcensteuern oder Zertifikatehandel scheitern an der Vielzahl unterschiedlicher Materialien (Stahl, Lithium, Kobalt, Holz) und ihren spezifischen Knappheiten.
Es gibt jedoch einen gemeinsamen Nenner für alle Ressourcen: den Energieverbrauch. Sämtliche Prozesse der Ressourcennutzung sind mit einem massiven Verbrauch von Energie verbunden. Eine schrittweise steigende Energiesteuer könnte die Funktion der gesuchten Ressourcensteuer übernehmen.
Die Energiesteuer als Renten- und Ressourcensteuer
Eine Verteuerung der Energie stößt naturgemäß auf Widerstand, gilt Energie doch als „Brotpreis der Moderne“. Dies zeigt jedoch die Fragwürdigkeit niedriger Energiepreises – die enormen Folgekosten der Energieerzeugung werden bisher auf die Allgemeinheit oder künftige Generationen abgewälzt. Und gerade in der DDR haben wir lernen müssen, dass Subventionierung oft Verschwendung verursacht hat.
Die Lösung finden wir im Steuersystem: In Deutschland werden zwei Drittel der Steuern und Abgaben vom Faktor Arbeit getragen – während der Faktor Energie nur etwa vier Prozent beiträgt.

Investitionen in teure vollautomatische Anlagen lohnen sich, weil damit die teure Arbeit durch billige Energie (Steuern und Abgaben auf Arbeit 1.100 Mrd. Euro, auf Energie 73 Mrd. Euro) ersetzt wird. Wenn nun Millionen von Humanoiden den Menschen komplett ersetzen, wird der Mensch zum teuren Versorgungsfall.
Das Umwelt- und Prognoseinstitut Heidelberg (UPI) urteilte schon 1988: „Wäre es Absicht der Steuer- und Abgabenpolitik der letzten Jahrzehnte gewesen, menschliche Arbeitskraft so zu verteuern, dass sie in der Konkurrenz zu Maschinen und Energie zunehmend aus dem Arbeitsmarkt verdrängt wird, hätte die Politik nicht wesentlich anders sein können.“
Notwendig ist eine aufkommensneutrale Umverteilung der Steuerlast von der Arbeit zur Energie. Die Einnahmen aus der Energiesteuer werden komplett zurückgegeben: an die Wirtschaft über die Absenkung der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, an die Verbraucher über die Zahlung eines Energiegeldes je Kopf der Bevölkerung.
Diese Verlagerung hätte eine dreifache Wirkung: Die Rentenfinanzierung würde von der Erwerbsarbeit abgekoppelt, menschliche Arbeit wieder wettbewerbsfähig und der Energie- und Ressourcenverbrauch wirksam gebremst.
Der Archimedische Punkt der Marktwirtschaft
In der Diskussion um die Ökosoziale Steuerreform in den 1990er Jahren wurde das Bild vom fehlgesteuerten Tanker Marktwirtschaft geprägt, der über sinnvoll lenkende Steuern auf einen zukunftsfähigen Kurs gebracht werden sollte. Dieser vergessene Ansatz ist hochaktuell.
Die Staatsquote liegt in Deutschland bei knapp 50 Prozent, finanziert durch rund zwei Billionen Euro an Steuern und Abgaben pro Jahr. In der Verknüpfung von Finanzierungs- und Lenkungszielen finden wir den Archimedische Punkt zur Umsteuerung der Marktwirtschaft.
Im Ergebnis würden ressourcenintensive Massenproduktion teuer, während Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Handwerk und regionale Wirtschaft gestärkt werden. Ein Energiezoll an den EU-Außengrenzen würde den heimischen Markt vor Unterbietung durch Billigimporte schützen.
Fazit
Elon Musks Utopie ist nur die Spitze des Eisbergs einer blinden Hoffnung auf KI-getriebenes Wachstum.
Eine Nebenbemerkung von Musk sollte uns wachrütteln. Auf die Frage, wer in der neuen KI-Welt künftig das Sagen haben werde, verglich er den Abstand zwischen Mensch und KI mit dem Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse: „Es ist schwer vorstellbar, dass der Schimpanse die Kontrolle haben wird.“
Uns geht es wie dem Zauberlehrling bei Goethe: »Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd’ ich nun nicht los.«
Das Verhältnis von Staat und Markt muss sich ändern: Die wichtigste Rolle des Staates ist das Setzen sinnvoller Rahmenbedingungen für den Markt (Steuern heißen Steuern, weil man damit sinnvoll steuern kann!), welcher zum effizienten Diener auf dem Weg in eine nachhaltige Gesellschaft wird.
Das hätte Auswirkungen auf die Rolle der KI. Indem wir dem Tanker Marktwirtschaft eine andere Richtung geben, schreiben wir das Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft in das „Betriebssystem“ der KI ein. KI würde damit in eine andere Richtung gelenkt werden: vom Brandbeschleuniger eines blinden Wirtschaftswachstums zu einem hocheffizienten Instrument in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft.
Abbildung: Alex Shuper, unsplash.com