
(22.06.2026, geä. 26.06.2026)
Die gesundheitlichen Folgeschäden von Alkohol-, Tabak- und Zuckerkonsum sind bekannt. Während Experten seit Jahren eine verhaltenslenkende Besteuerung fordern, greifen die aktuellen Vorschläge der Gesundheitsministerin – wie Tabak- und Alkoholsteuererhöhungen oder eine Zuckersteuer – viel zu kurz: Den geplanten Mehreinnahmen von 5,5 Milliarden Euro [1] stehen jährliche Folgekosten von mehr als 150 Milliarden Euro allein durch Tabak- und Alkoholkonsum gegenüber [2], die das Gesundheitssystem und die Solidargemeinschaft zunehmend überlasten.
Dieses Missverhältnis weckt Erinnerungen an die als gescheitert angesehene Ökosteuerreform der späten 1990er-Jahre: Der Ansatz war richtig, doch die Steuersätze waren viel zu niedrig für eine echte Lenkungswirkung. Hier stoßen wir auf ein Grundprinzip der Marktwirtschaft – das Verursacherprinzip für Folgeschäden. Marktpreise sollten die tatsächlichen Kosten widerspiegeln, um Fehlsteuerungen zu vermeiden.
Wie hoch sind die Folgekosten von Tabak, Alkohol und Zucker?
- Tabak: Das Deutsche Krebsforschungszentrum beziffert die jährlichen direkten und indirekten Kosten des Rauchens auf knapp 97 Milliarden Euro. [3] Dem stehen Steuereinnahmen von ca. 17 Milliarden Euro gegenüber. Auch mit der geplanten Erhöhung um 3,8 Milliarden Euro bleibt die Abgabenlast weit unter den sozialen Kosten.
- Alkohol: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) beziffert die gesellschaftlichen Kosten auf 57 Milliarden Euro. [4] Die Einnahmen aus der Alkoholsteuer liegen bei nur 3 Milliarden Euro. Die geplante Erhöhung um 1,22 Milliarden Euro bei Spirituosen korrigiert dieses Defizit kaum.
- Zucker: Allein Zahnerkrankungen verursachen rund 26 Milliarden Euro Folgekosten, dazu kommen Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Übergewicht und Adipositas. [5] Die geplante Zuckersteuer soll lediglich 450 Millionen Euro bringen und soll als temporäre Maßnahme nur bis zur Anpassung der Rezepturen gelten.
Der übermäßige Zuckerkonsum ist dabei nur der sichtbarste Teil einer weltweiten Ernährungswende.
Die Fast-Food-Revolution
In Mexiko haben Cola, Hamburger und Donuts die traditionelle Ernährung aus Maisfladen, Obst und Gemüse seit den 1980er Jahren ersetzt. Fast-Food-Ketten aus den USA wuchsen rasant. Die allgegenwärtige Fernsehwerbung bereitete den Weg für diese Revolution: Der Konsum von Gemüse und Obst sank um ein Drittel, während der Verbrauch süßer Brausegetränke um 40 Prozent stieg. Einer Havard-Studie nach verstarben innerhalb von sechs Jahren rund eine halbe Million Menschen an Übergewicht und Zuckerkrankheit – etwa siebenmal mehr als im Drogenkrieg im gleichen Zeitraum. [6]
In Europa sieht es nicht viel anders aus. Großbritannien ist zum dicken Mann Europas geworden. Siebzig Prozent der „Millenials“, geboren zwischen 1980 und 1995, könnten bis zur Mitte ihres Lebens übergewichtig werden.
Im Jahr 2010 fand der damalige Gesundheitsminister Alan Johnson drastische Worte: Das Ausmaß der Krise entspräche der Gefahr durch den Klimawandel. Der bisher kostenlose Nationale Gesundheitsdienst würde unter dieser Belastung einen Kollaps erleiden. [7]
Gesundheit ist eine Klassenfrage
Harald Sükar arbeitete 13 Jahre für McDonalds, zuletzt als Geschäftsführer von McDonalds Österreich. Er hat ein Buch geschrieben: „Die Fast Food Falle“. Er sagt inzwischen: „Fast Food ist Kindesmisshandlung.“ Kinder können sich nicht wehren gegen die Verführungskraft der wie ein Suchtmittel wirkenden Angebote. Er sagt: „Zu meiner Zeit gehörten gerade Menschen mit wenig Einkommen zu den treuesten Kunden, die bis zu fünfmal in der Woche zu uns kamen.“ [8]
Dabei treffen die Folgen Kinder besonders. Wer dick ist, wird in der Schule gehänselt, im Sport gelten sie als Nieten. Sie leiden an Krankheiten wie Diabetes und Kreislauferkrankungen, die sonst nur Erwachsene haben. Übergewichtig ist in Deutschland immerhin jedes siebte Kind. Sechs Prozent der Kinder gelten sogar als fettleibig. Es trifft vor allem die sozial schwachen Familien. Kinder aus diesen Familien sind viermal häufiger übergewichtig als Kinder aus Familien mit hohem sozialem Status.
Die Ultras machen uns krank
Es geht längst nicht mehr nur um die einzelnen Inhaltsstoffe wie Zucker, Salz und ungesunde Transfette. Zunehmend erobern sogenannte ultraverarbeitete Produkte den Lebensmittelmarkt. Jörg Blech, Wissenschaftsjournalist vom SPIEGEL: „Neuartige Techniken machen es möglich, ein gewaltiges Angebot aus billigen Zusatz- und Hilfsstoffen sowie Aromen herzustellen.“ [9] Die traditionelle Ernährung ist weltweit auf dem Rückzug.
Die Ursache für den globalen Siegeszug liegt in der Suchtwirkung der Inhaltsstoffe. Den zugrunde liegenden Effekt bezeichnet man als „hedonische Hyperphagie“: „Man frisst und frisst – obwohl man eigentlich längst satt sein müsste.“ [10]
Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg haben Ratten Standardfutter und Futter aus kalorienreichen Kartoffelchips vorgesetzt. Beim Standardfutter hörten sie auf mit Fressen, wenn sie satt waren. Bei den Kartoffelchips war der natürliche Mechanismus ausgeschaltet, es wurden doppelt so viel Kalorien aufgenommen wie beim Standardfutter.
Warnung der WHO
Ungesunde Nahrung hat das Rauchen mittlerweile als wichtigsten Risikofaktor weltweit abgelöst. Laut einer im Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte die Reduzierung von nur vier zentralen Risikofaktoren – ungesunde Lebensmittel, körperliche Inaktivität, Tabak- und Alkoholkonsum –80 Prozent aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes-Fälle sowie mindestens ein Drittel aller Krebserkrankungen verhindern.[11]
Bereits 2005 forderte Ökonom Meinhard Miegel, dass die Bevölkerung ihr Verhalten ändern müsse, da das Gesundheitssystem sonst unbezahlbar werde. [12] Die Krankenkassen belohnen gesundes Verhalten bereits über Apps – doch das greift zu kurz, da gesundheitsbewusstes Verhalten eng mit Bildung und Status verknüpft ist. Zudem sind billige Nahrungsmittel in der Regel auch die weniger gesunden. Weitaus gerechter wäre die konsequente Durchsetzung des Verursacherprinzips. Wer rauchen will, soll das tun, doch die Gemeinschaft darf nicht länger die Folgekosten tragen. Gleiches gilt für den Konsum von Alkohol, Zucker und einem Übermaß an Fastfood.
Gerade für potentielle Risikogruppen – Jugendliche und Geringverdiener – haben Preissignale einen starken Einfluss. Der Grundsatz muss heißen: Was ungesund ist, muss teuer sein. Die Subventionierung von Folgekosten durch alle führt zu Fehlanreizen mit fatalen Folgen nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Betroffenen.
Gesundheitsökonom fordert „Gesunde Mehrwertsteuer“
Ein Verbot hoch verarbeiteter Lebensmittel, so schädlich sie für die Betroffenen und die Gesellschaft in der Tendenz sind, ist schwer durchsetzbar. Angesichts des Suchtpotentials dieser Lebensmittel kann der Staat sich aber nicht aus der Verantwortung stehlen. Theoretisch müsste man Warnhinweise auf den Verpackungen anbringen, ähnlich wie beim Tabakkonsum. Was aber ebenso schwer umsetzbar wäre.
Hier bietet sich die Mehrwertsteuer als Lenkungsinstrument an. Bei Lebensmitteln wird bisher unterschiedslos ein verringerter Steuersatz von 7 Prozent gegenüber dem allgemeinen Steuersatz von 19 Prozent aufgeschlagen. Die Begründung dafür ist ursprünglich eine soziale: Lebensmittel sollen für alle erschwinglich sein. Angesichts der Folgeschäden von Fastfood, welche gerade die sozial schwachen Gruppen trifft, wird es Zeit, diese „sozialen Wohltaten“ für tendenziell ungesunde Lebensmittel zu streichen.
Der Gesundheitsökonom Tobias Effertz von der Universität Hamburg fordert eine Differenzierung der Mehrwertsteuer entsprechend eines Ampelsystems für Lebensmittel, dessen Einführung seit Längerem diskutiert wird. Die Steuer soll Obst und Gemüse unbesteuert lassen (grün), normale Lebensmittel wie Nudeln, Milch oder Fleisch mit sieben Prozent (gelb), Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett – wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten (rot) – mit 19 Prozent und gesüßte Getränke mit 29 Prozent Steuer belasten. [13]
Die Sozialabgaben und damit die Personalkosten verringern
Die ökonomischen Folgen von ungesunden Verhaltensweisen sind aber nur ein Teil des zunehmenden Kostendrucks im Gesundheitswesen. Ein anderer gravierender Kostenblock sind die Personalkosten. Insbesondere bei den Krankenhäusern liegt deren Anteil bei fast zwei Drittel der Gesamtkosten.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt vor einer Pleitewelle und einem massiven Arbeitsplatzabbau, sollten die Sparpläne umgesetzt werden. Bis 2030 könnte die Hälfte der Kliniken Insolvenz anmelden.[14]
Für eine Lösung können wir auf die Diskussion um die Ökosoziale Steuerreform in den 1990er Jahren zurückgreifen. Die Forderung nach einer Umverteilung der Steuerlast von der Arbeit zur Energie ist hochaktuell. Das gilt vor allem für die personalintensive Branchen wie die Gesundheits- und Pflegebranche.
Eine Entlastung bei den hohen Sozialabgaben würde den Kostendruck und damit den Rationalisierungsdruck umlenken – vom Faktor Arbeit zum Faktor Energie- und Ressourcenverbrauch.
Es könnte tatsächlich mehr Personal eingestellt werden, Ärzte, Schwestern und Pflegepersonal hätten dann endlich wieder mehr Zeit für die Patienten. Mehr Menschlichkeit und Lebensqualität für alle Betroffenen – Beschäftigte, Kranke, Pflegebedürftige samt deren Angehörige – könnte in das System einziehen.
Anstatt Folgeschäden zu subventionieren und das System durch Sparpakete an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen, könnten sinnvoll lenkende Steuern (nomen est omen) das System gesunden lassen.
(Der Artikel ist am 26.06.2026 in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung erschienen.)
[1] https://www.aok.de/pp/gg/update/abgaben-alkohol-tabak/
[2] https://www.praeventionstag.de/nano.cms/news/details/10826.
[3] https://www.dkfz.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/Download/Tabakatlas-Deutschland-2025.pdf
[4] https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Jahrbuch_Sucht/JBS2026_komplett_web.pdf
[5] https://www.zm-online.de/news/detail/ungesunde-ernaehrung-der-deutschen-verursacht-schaeden-in-milliardenhoehe
[6] https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fast-food-statt-tortilla-mexikaner-veraendern-essgewohnheiten-a-928187.html
[7] https://www.sueddeutsche.de/leben/fettleibigkeit-in-grossbritannien-das-grosse-fressen-1.337128
[8] https://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/ex-mcdonald-s-manager-fast-food-ist-kindesmisshandlung-a-1275638.html
[9] https://www.spiegel.de/politik/so-schmeckt-die-zukunft-a-11dc193e-0002-0001-0000-000150112489
[10] Ebd.
[11] Thomas Kruchem „Am Tropf von Big Food“, Transcript-Verlag Bielefeld 2017
[12] https://taz.de/!669815/
[13] https://adipositas-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2020/07/Studie-gesunde-MwSt.pdf
[14] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-nina-warken-krankenhaus-verband-dkg-warnt-dass-jede-zweite-klinik-pleitegehen-koennte-a-644933c2-1251-4dbc-a817-9913e31c044b
Foto von Simon Hurry auf Unsplash