Sinnvoll steuern in Zeiten leerer Kassen

Von | Mai 7, 2026

(05.05.2026)

Wie wir Finanzierungs- und Lenkungsziele für eine zukunftsfähige Marktwirtschaft verknüpfen können. 

Die Erreichung der Klimaziele in Deutschland oder Europa ist für das globale Klima tatsächlich zweitrangig. Die eigentliche Messlatte liegt woanders – in der Entwicklung eines wirtschafts- und sozialverträglichen Modells, welches im Einklang steht mit den ökologischen Grenzen des Planeten, dabei attraktiv und finanzierbar ist für Schwellenländer und die ärmeren Staaten des globalen Südens (welche bisher auch dem Modell des globalen Nordens folgen).

Dieses Modell dient als Grundlage für verschiedene Reformansätze im politischen Alltag. Es zielt darauf ab, die Wirtschaft mit Hilfe des Marktes in eine klima- und ressourcensparende Richtung umzusteuern.

1. Kontext: Warum wir umsteuern müssen

Die Orientierung auf ewigem Wirtschaftswachstum widerspricht der Endlichkeit natürlicher Ressourcen. „Grünes Wachstum“ ist keine Lösung: Es reduziert zwar den CO2-Ausstoß, die Abkopplung des Ressourcenverbrauchs bleibt jedoch zumeist relativ. Der absolute Verbrauch sinkt kaum, da Effizienzgewinne durch Mengenwachstum aufgezehrt werden.

Die KI-Revolution verschärft diesen Konflikt:

  • Ressourcenhunger: „Dark Factories“ und Humanoide benötigen enorme Mengen an Energie und Rohstoffen für Rechenleistung, Robotik und Netze.
  • Investitionsdruck: Die massiven Kosten für KI und Dark Faktories rechnen sich nur durch eine weitere Steigerung des Produktionsausstoßes. Was wiederum nur Sinn macht, wenn die Aufnahmefähigkeit des globalen Marktes steigt.

Nachhaltigkeit muss daher als zwingende Grundbedingung in das Betriebssystem jeder wirtschaftlichen Entwicklung – einschließlich der KI – verankert werden.

2. Aufgabenstellung

Gesucht ist ein Modell, wie die Wirtschaft mit Hilfe des Marktes in eine klimafreundliche und nachhaltige Richtung umgesteuert werden kann.

Für das Modell gelten folgende Kernbedingungen:

  • Wirtschafts- und Sozialverträglichkeit.
  • Finanzielle Stabilität: Sicherung des Sozialsystems und der staatlichen Einnahmen.
  • Nachhaltige Ressourcennutzung: Reduzierung des Verbrauchs auf ein global nachhaltiges Maß.

3. Theoretische Ansätze für das Modell

Das Modell stützt sich auf drei theoretische Ansätze:

  • Verursacherprinzip: Bei Anlastung externer Folgekosten wird die Wirtschaft schon im Ansatz in eine nachhaltigere Richtung gesteuert.
  • Schieflage zwischen Energie und Arbeit: Quantitative Untersuchungen weisen nach, dass der billige Produktionsfaktor Energie (knapp 7 % an den Gesamtkosten der Wirtschaft) weitaus produktionsmächtiger[1] ist als der teure Faktor Arbeit (etwa 50 % der Gesamtkosten). Gleichzeitig lasten auf dem Faktor Arbeit zwei Drittel der Steuer- und Abgabenlast, auf dem Faktor Energie dagegen nur knapp 5 Prozent. Diese Schieflage ist die zentrale Ursache für den kontinuierlichen Ersatz von Arbeit durch energiegetriebene Anlagen.[2]
  • Faltungsprinzip: Wenn einem dynamischen System Grenzen gesetzt werden, ändert es schon vor Erreichen der Grenzen seinen Pfad und sucht nach neuen Möglichkeiten innerhalb dieser Grenzen. Die Entwicklung geht damit statt ins Mengenwachstum in das Wachstum der Vielfalt.[3]

4. Das flexible Grundmodell: Nicht mehr, sondern andere Steuern und Abgaben

Das Modell zielt auf eine Umverteilung der Steuer- und Abgabenlast.

  • Verbindung von Finanzierungs- und Lenkungswirkung: Steuern haben neben ihrer Finanzierungsfunktion immer auch eine Lenkungswirkung. Ersatz von Steuern mit negativer Lenkungswirkung durch solche mit positiver Wirkung.
  • Rückzahlung an die Wirtschaft: Senkung der Sozialabgaben (insb. Renten- und Pflegeversicherung), um den Faktor Arbeit zu entlasten.
  • Rückzahlung an Verbraucher: Direkte Entlastung über eine Pro-Kopf-Zahlung (Klima- oder Energiegeld, Öko-Bonus)

5. Sektorspezifische Anwendung

Sektor Maßnahme Rückzahlung & Wirkung
Klimaschutz Preispfad für CO2-Steuer, der je nach Erreichung der Reduktionsziele angepasst wird. (Schweizer Modell) 70% Rückzahlung an Bevölkerung (Klimageld) und Wirtschaft (Senkung SV-Abgaben). Rest für Subventionen.
Energie Energiesteuer als kombinierte Ressourcen- und Rentensteuer. Rückzahlung über Senkung SV-Abgaben (Wirtschaft) und Energiegeld (Verbraucher).
Landwirtschaft Lenkungsabgaben auf Kunstdünger, Pestizide, Antibiotika und Importfuttermittel. Vollständige Rückzahlung pro Kopf der Bevölkerung. Abbau von Bürokratie, Reduzierung Agrarfördermittel. Ökologisierte Landwirtschaft wird aus wirtschaftlichen Gründen zum Normalfall.
Gesundheit Lenkungsabgaben auf Tabak, Alkohol und Zucker. Erhöhte Mehrwertsteuer auf hoch verarbeitete Lebensmittel. Senkung verhaltensbedingter Gesundheitskosten. Rückzahlung über Senkung der Krankenkassenbeiträge.

 6. Rahmenbedingungen und Globale Perspektive

Mittelfristig sind Regelungen auf EU-Ebene notwendig. Nationale Vorreiterrollen sind jedoch sinnvoll und notwendig als funktionierendes Beispiel für spätere EU-weite Übernahme. Außerdem als Modell für Krisenregionen, als Alternatives Modell zur Finanzierung der Renten- und Pflegeversicherung, zur Entlastung der Wirtschaft von hohen Personalkosten.

Nicht zuletzt, um rechtzeitige Signale für Neuinvestitionen zu senden. Denn klar ist, dass Investitionen in eine nicht nachhaltige Wirtschaft mittel- bis langfristig teure Fehlinvestitionen sind.

Ein Grenzsteuerausgleich (Klima- oder Energiezoll) schützt dabei die heimische Industrie vor unfairem Wettbewerb.

Klimazölle gelten zwar als bürokratisch aufwendig. Diese führen jedoch schon jetzt dazu, dass andere Länder CO2-Steuern einführen, um bürokratische Nachweise zu vermeiden. In der Tendenz könnte tatsächlich eine Art Klimaklub entstehen, in dem Klimazölle entfallen können. Das Gleiche gilt für das Modell von Energiesteuern und Energiezoll.

7. Fazit und Ausblick: Die neue Realwirtschaft

Das Modell führt zu einer fundamentalen Verschiebung dessen, was als wirtschaftlich sinnvoll gilt:

  • Vom Wegwerfen zum Erhalten: Langlebigkeit, Reparierbarkeit und modulare Austauschbarkeit werden zum ökonomischen Standard. Forschung und Entwicklung wie Neuinvestitionen würden entsprechend umgelenkt werden.
  • Bauen im Bestand: Sanierung und Umbau im Bauwesen werden zum Regelfall, der ressourcenintensive Neubau zur Ausnahme.
  • Stärkung des Faktors Arbeit: Handwerk, Bildung, Pflege und Kinderbetreuung wie auch viele Unternehmen der verarbeitenden Industrie profitieren massiv von sinkenden Lohnnebenkosten.
  • Ökologisierte Landwirtschaft: Lenkungsabgaben beseitigen Fehlanreize und den Gegensatz zwischen Umwelt und Agrarindustrie. Ein Öko-Bonus gleicht die durchschnittlichen Mehrkosten aus, ermöglicht den Abbau von Agrarsubventionen und macht die Landwirtschaft zum wirtschaftlichen Rückgrat eines aufgewerteten ländlichen Raumes.
  • Regionale Resilienz: Die Stärkung regionaler Kreisläufe reduziert den Ressourcenverbrauch und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Statt chaotischer Rücknahme der Globalisierung erfolgt eine nachhaltige wie sozial verträgliche Neuordnung.
  • Stärkung der Realwirtschaft gegenüber der Finanzindustrie: Die Realwirtschaft wird wieder zur stabilen Basis des Staates. Die Abhängigkeit von Finanzmärkten sinkt, wodurch die Politik wieder handlungsfähig wird gegenüber der Finanzindustrie – die Voraussetzung zur Umsetzung der lange geplanten Finanztransaktionssteuer.

Ergänzungen und Details zum Grundmodell siehe Anlage 1 zu Grundmodell

[1] Ausgedrückt durch die Produktionselastizität – der Einfluss des Faktors auf das Wirtschaftswachstum.

[2] Kümmel, R.; Lindenberger, D.; Paech, N. (2018). Energie, Entropie, Kreativität: Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst. Springer Spektrum

[3] Anders Levermann, Die Faltung der Welt: Wie die Wissenschaft helfen kann, dem Wachstumsdilemma und der Klimakrise zu entkommen (Berlin: Ullstein 2023)

Foto: pixabay.com (dima_goroziya)