
(17.03.2026)
Eine Verlagerung der Steuer- und Abgabenlast von der Arbeit auf den Energieverbrauch könnte mehrere Probleme zugleich angehen: die Finanzierung der Renten, den steigenden Druck auf Beschäftigung durch Automatisierung und den zu hohen Ressourcenverbrauch. Der Vorschlag knüpft an die Idee der ökosozialen Steuerreform an und denkt sie unter den Bedingungen von demografischer Krise, KI und Rohstoffknappheit neu.
Wie lässt sich das Rentensystem stabilisieren, ohne an anderer Stelle neue Krisen zu verschärfen? Wenn Demografie, Automatisierung und KI den Faktor Arbeit unter Druck setzen, wird es riskant, die soziale Sicherung fast ausschließlich an Erwerbsarbeit zu koppeln. Zugleich fehlt bislang ein wirksamer Hebel, um den Ressourcenverbrauch spürbar zu senken. Beides zusammenzudenken könnte einen Ausweg eröffnen: eine schrittweise Verlagerung der Abgabenlast von der Arbeit auf den Energieverbrauch.
Erinnerung an eine der sinnvollsten Reformen
In den 1990er-Jahren wurde das Bild vom fehlgesteuerten Tanker Marktwirtschaft geprägt: Zwei Drittel aller Steuern und Abgaben in Deutschland wurden vom Faktor Arbeit getragen. Steuern auf Energie- und Umweltverbrauch lagen dagegen fast bei Null. Das Ergebnis war das Wachstum von Arbeitslosigkeit und Energieverbrauch.
Im Zuge einer Ökosozialen Steuerreform sollte die Steuerlast vom Faktor Arbeit zum Faktor Energie- und Ressourcenverbrauch umverteilt werden.
Politisch durchgesetzt hat sich jedoch die Agenda 2010. Statt Umsteuerung lautete die Devise „Ballast abwerfen, damit der Tanker wieder Fahrt gewinnen kann“.
Notwendigkeit einer Neujustierung
Die lange Konjunkturphase hat das Bild verändert. Statt Massenarbeitslosigkeit klagt die Wirtschaft über den Mangel an Fach- und Arbeitskräften in fast allen Branchen.
Inzwischen schlägt das Pendel zurück. Die Industrie baut massiv Arbeitsplätze ab. Die Ursachen sind bekannt: eine schwache Konjunktur, überbordende Bürokratie, die steigenden Sozialabgaben. Hinzu kommen die Auswirkungen der Einführung von KI.
Die Unternehmen reagieren mit Abwanderung – oder mit einer verstärkten Automatisierung. In Verbindung mit der KI-Revolution werden „dark factories“ – vollautomatische Fabriken, die rund um die Uhr tendenziell ohne menschliche Arbeitskräfte arbeiten – zum neuen Zukunftsmodell.
Dazu kommt die demografische Krise: Immer weniger Erwerbstätige müssen für eine steigende Zahl von Rentnern aufkommen. Das Rententhema wird zu einem Gerechtigkeitsproblem, welches für viele junge Wähler noch vor der Klimakrise rangiert.
Kapitalmarkt oder Steuerfinanzierung?
Um das absehbare Loch in der Rentenkasse zu schließen, ist der Aufbau eines Kapitalstocks geplant. Auf dem Kapitalmarkt angelegte Mittel sollen Erträge erwirtschaften, die in die Rentenkasse fließen. So sollen steigende Beitragssätze gebremst und das Rentenniveau stabilisiert werden.
Kritiker verweisen jedoch auf Risiken: In jüngerer Zeit waren Ersparnisse mehrfach unter Druck – in der langen Niedrigzinsphase oder durch politische Schocks wie die Zollpolitik Donald Trumps. Ein zweiter Kritikpunkt: Pensionsfonds haben zuallererst die Aufgabe, die Spareinlagen der Anleger zu vermehren. Ökologische und soziale Kriterien sind in den meisten Fällen eher sekundär.
Arbeitnehmer mit einer Rentenfinanzierung über den Kapitalmarkt können so in eine fast schizophrene Lage geraten. Der Spiegel schrieb über den Wahlsieg Donald Trumps 2024 und erwähnte dabei die Senkung der Unternehmenssteuern von 35 auf 21 Prozent. „Diese erfreute in erster Linie die US-Konzerne und Reichen, kam aber auch im Volk an, dessen Altersvorsorge fundamental am Aktienmarkt hängt.“
Als Alternative könnte über eine stärkere Steuerfinanzierung nachgedacht werden. Dänemark finanziert sein Sozialsystem zum größten Teil über Steuern. Die hohe Mehrwertsteuer wirkt jedoch regressiv, weil sie Geringverdienende relativ stärker belastet. Als Alternative zur Mehrwertsteuer, der man nur durch Verzicht ausweichen kann, bietet sich die Energiesteuer an. Auch diese gilt als regressiv. Das ließe sich aber korrigieren.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte 1994 ein Modell zur schrittweisen Einführung von Energiesteuern vorgelegt. Im Gegenzug sollten die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung schrittweise um bis zu 70 Prozent abgesenkt werden.
Die Mehrkosten für Verbraucher sollten über die Zahlung eines Öko-Bonus pro Kopf der Bevölkerung ausgeglichen werden. Wodurch Geringverdiener im Durchschnitt zu den Gewinnern der Reform gehört hätten.
Ressourcenverbrauch – der blinde Fleck der Umweltpolitik
Dark factories, auch wenn sie im Idealfall mit 100 Prozent erneuerbaren Energien arbeiten, weisen auf einen blinden Fleck beim Leitbild vom Grünem Wachstum hin: dem bisher unregulierten Ressourcenverbrauch.
Das chinesische Technologieunternehmen Xiaomi betreibt seit 2023 eine Anlage, in der nur wenige Arbeiter beschäftigt sind, stattdessen 700 Roboter rund um die Uhr arbeiten und alle 76 Sekunden eine Elektrolimousine vom Band läuft.
Der Einsparung von Beleuchtungs- und Heizungsenergie steht ein enormer Anstieg des Ressourcenverbrauchs entgegen. Denn klar ist – die milliardenschweren Investitionen rechnen sich nur bei einer Erhöhung des Produktionsausstoßes. Was wiederum nur Sinn macht, wenn die Aufnahmefähigkeit des globalen Marktes steigt.
Nicht zu vergessen dabei, dass auch die Roboter wie die Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien den Bedarf an knappen Ressourcen ansteigen lassen.
Deutschland muss seinen Ressourcenverbrauch halbieren
Der neue Report der UN-Umweltorganisation UNEP „Global Resources Outlook 2024“ spricht Klartext: Ressourcengewinnung und -verarbeitung ist die Hauptursache für die dreifache Krise des Planeten: den Klimawandel, den Verlust der biologischen Vielfalt sowie die Zunahme von Umweltverschmutzung und Abfällen. Über 55 Prozent der Treibhausgasemissionen und mehr als 90 Prozent des Verlusts an biologischer Vielfalt sind auf diesen Faktor zurückzuführen.
Der Bericht dämpft die Hoffnung auf eine Lösung des Problems durch technologische Fortschritte. Der Einsatz von Technik hat den Anstieg globalen Materialverbrauch um nur fünf Prozent gedämpft.
Die Umweltbehörde UNEP fordert, bis 2050 eine durchschnittliche Materialintensität von 6–8 Tonnen pro Kopf und Jahr zu erreichen. In Deutschland verbrauchen wir 16 Tonnen. Der globale Durchschnitt lag schon 2015 bei 11 Tonnen.
Quantitative Zielvorgaben zur Reduzierung des Rohstoffverbrauchs existieren bisher weder von der deutschen noch von der europäischen Politik. Eine Zielstellung existiert nur für die Erhöhung der Ressourcenproduktivität. Welche durch das bestehende Wirtschaftswachstum fast ausgeglichen wird.
Energiesteuer als Ressourcen- und Rentensteuer
Von Umweltverbänden wie von der UNEP wird seit Jahren die Einführung einer Ressourcensteuer gefordert.
Unklar ist allerdings die Frage, wie eine solche Steuer aussehen könnte. Im Unterschied zur Besteuerung von CO2-Emissionen gibt es ja eine Vielzahl von Ressourcen. Wir bräuchten diverse sehr unterschiedliche Steuern: auf Eisen, Kupfer, Kobalt oder Lithium, um nur einige Kandidaten zu nennen. Und jede wäre mit unterschiedlichen Folgekosten oder Knappheiten zu berechnen.
Es gibt jedoch einen Ansatzpunkt, der als gemeinsamer Nenner für all diese sehr unterschiedlichen Ressourcen infrage kommt: der Energieverbrauch.
Sämtliche Prozesse der Ressourcennutzung sind mit einem massiven Verbrauch von Energie verbunden – von der Erschließung, der Rohstoffgewinnung, über Transport, Verarbeitung bis hin zu Abriss, Recycling und Entsorgung am Ende des Kreislaufes. Nicht zufällig werden die Branchen der Grund- oder Rohstoffindustrie als „energieintensive Branchen“ bezeichnet.
Die Lösung könnte also tatsächlich in der Rückbesinnung auf die alte Ökosoziale Steuerreform liegen. Steuern auf den Faktor Energie hätten dabei eine Doppelfunktion: zum einen als Ressourcensteuer, zum anderen zur Finanzierung des Rentensystems.
Wobei klar sein muss, dass die Einnahmen aus der Energiesteuer an Wirtschaft und Verbraucher möglichst vollständig zurückgegeben werden. An die Wirtschaft über eine Absenkung von Sozialabgaben. An die Verbraucher über ein Energiegeld pro Kopf der Bevölkerung.
Eine solche Entwicklung könnte zu einer wirtschafts- und sozialverträglichen Entschleunigung führen, den Ressourcenverbrauch senken, den Druck auf Lieferketten und Rohstoffkonkurrenz mindern und so langfristig auch die Voraussetzungen für eine friedlichere Weltordnung verbessern.
Es ginge dann nicht um eine chaotische Rücknahme der Globalisierung, sondern um ihre nachhaltige wie sozial verträgliche Neuordnung.
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